Ich bin oft im Netz unterwegs, wo mich vieles abstößt, und vieles inspiriert. Diesmal sind mir zwei Weltsichten untergekommen, die ich aufgreifen möchte. Beide haben mit Kreativität, Komplexität und Nutzen zu tun, der sich nur bei näherer Betrachtung erschließt. Beides Dinge, die weltweit in gewissen Kreisen derzeit nicht gerade Hochkonjunktur haben (Bild: AI / generiert mit Pixabay).
Kolumne von Oliver Schmitt
Der englische Physiker und Chemiker Michael Faraday lebte im 19. Jahrhundert und wurde einmal gefragt, welchen praktischen Nutzen die Grundlagenforschung habe. Seine pointierte Gegenfrage darauf: Welchen Nutzen hat ein Neugeborenes? Er wollte damit auf das große Potenzial beider abheben, das sich erst im Laufe der Jahre entfalte. Ein Neugeborenes hat keinen unmittelbaren Nutzen. Ganz im Gegenteil, es erfordert intensive Pflege und Aufmerksamkeit, und das über Jahre. Was für ein Glück, dass aufwachsende Kinder (noch) nicht in den Händen von Populisten liegen, die kaum die nötige Geduld und Sorgfalt dafür aufbringen.
Aber was haben wir damit zu tun? Wir können daraus lernen, dass es sich sehr wohl lohnt, den Dingen auf den Grund zu gehen, sich Zeit für kreative Prozesse zu nehmen, um echten Innovationen den Weg zu bereiten – anstatt immer nur auf den unmittelbar greifbaren Nutzen zu schielen. Oder die Flinte nicht allzu schnell ins Korn zu werfen, wenn etwas nicht auf Anhieb gelingt. Gut Ding will Weile haben, und so wie vielen das Babyglück nicht sofort vergönnt ist, braucht es auch im beruflichen Alltag oft mehrere Anläufe.
Die zweite beeindruckende Weltsicht kommt in einer Geschichte zum Ausdruck, die ich leider keiner Autor*in zuordnen konnte. Es geht darum, wie eine Zitrone zu teilen sei. Der Reflex, den auch ich zuerst hatte, ist: Wir teilen sie in zwei (gleich große) Hälften. Dann ist der Gerechtigkeit genüge getan und jeder möge mit seiner Hälfte tun, was ihr oder ihm beliebt. Was, wenn wir uns vorher fragen, was wir mit unserem Anteil anstellen wollen? Wenn etwa der Eine die Schale braucht, um mit den Zesten daraus seinen Plätzchenteig zu verfeinern. Und die Andere auf den Saft schielt, um daraus Limonade zu machen. Dann führt die vermeintlich gerechte Teilung nur dazu, dass beide einen erheblichen Teil ungenutzt wegwerfen.
Die Moral von der Geschichte: Sich einmal vorher kurz darüber austauschen, was Jeder denn so vorhat, bevor man sich in vermeintlich auf Gerechtigkeit schielende Verteilungskämpfe stürzt. Denn dann haben wir die Chance, knappe Ressourcen so zu verteilen, dass sie wirklich optimal genutzt werden können. Nebenbei liegt in dieser Geschichte auch viel Weisheit über Kollaboration. Wer klug zusammenarbeitet und Fairness nicht in stupider Arithmetik sucht, der kann knappe Ressourcen so verteilen, dass der maximale Nutzen entsteht.
Ich wünsche uns in der FAMA-Community, dass wir klug und vorausschauend miteinander umgehen und so für die Einzelnen wie für die Gemeinschaft das Beste herausholen. Mit Geduld, Kreativität und Cleverness. So san‘mer halt!













