Deutschland ist das Land der großen Weltleitmessen. Geostrategisch liegen wir dazu ziemlich günstig inmitten eines der stärksten Wirtschaftsräume und gut zu den Hotspots USA, Südamerika im Westen oder Südostasien und China im Osten positioniert. Die globale Arbeitsteilung hat unserer exportorientierten Wirtschaft lange Zeit perfekt in die Karten gespielt und die großen Messen brachten globale Nachfrage mit unserem Angebot in Berührung. Jetzt gerät die Weltwirtschaft durcheinander – und damit auch unser Geschäftsmodell? (Bild: generiert mit Perplexity)
Kolumne von Oliver Schmitt
Im anglo-amerikanischen Raum wurde traditionell ein anderes Modell praktiziert. Einerseits haben die großen Publisher Messethemen aus ihren Verlagsprodukten heraus entwickelt. Andererseits erfanden Vollblut-Entrepreneure neue Messethemen (oder kauften diese auf). Beiden gemeinsam war und ist, dass sie diese rasch einem Geo-Cloning unterzogen und so globale Reichweite erschufen.
Dass dieses Geschäftsmodell auch von außen als belastbar und zukunftsfähig betrachtet wird, belegt das weiterhin lebendige Geschäft mit Mergers & Acquisitions, mit dem sich finanzstarke Investoren die immer noch erklecklichen Renditen sichern wollen. Um Deutschland machen diese jedoch – notgedrungen – einen Bogen, denn hier steht ja nichts zum Verkauf. Wie sich das andernfalls verhielte bleibt vorerst ein Mysterium.
Angesichts der nicht enden wollenden Volatilitäten im globalen Welthandel könnte es auch zu einer Renaissance der großen Weltleitmessen kommen, die ja in den letzten Jahren ohnehin maßgeblich durch ausländische Aussteller und Besuchende wachsen konnten. Eine Frage, die sich stellt, ist halt, wie sich diese Formate verhalten, wenn die großen Marktführer aus Deutschland und Europa weiterhin schwächeln.
Auch die Tatsache, dass das Kränkeln der Automobilindustrie sich über kurz oder lang in fast allen Investitionsgütermessen bemerkbar macht, könnte an der Resilienz der Flaggschiffmessen nagen. Die Konsumgütermessen haben ohnehin ihr ganz spezielles Päckchen zu tragen, sorgt doch die anhaltende Konzentration im Groß- und Einzelhandel für tektonische Verschiebungen auf der Nachfragerseite.
Für die Zukunft von Messen und Ausstellungen als solche ist mir allerdings nicht bange. Als multifunktionale Marketing-Instrumente haben sie sich über Epochen hinweg immer wieder neu erfunden. Die Messemenschen innewohnende Neugierde und Experimentierfreunde zeigt sich insbesondere und erfreulicherweise gerade im Kreis unserer Mitglieder. Mit kreativen, innovativen Formaten, die sich konsequent am Mehrwert für die beteiligten Stakeholder orientieren, rückt Größe zugunsten von Agilität und Kundenorientierung in den Hintergrund. Das hat was, oder?
