Gerade noch waren wir mit der DACH Messefachtagung bei ihm und der Bernexpo zu Gast. Und Ende des Monats verlässt er das Unternehmen, um zu seinen Wurzeln als Bauingenieur beim Generalübernehmer Lsinger Marazzi SA zurückzukehren. Vor fünf Jahren, mitten in der Pandemie begann er als CEO bei der Bernexpo und wir wollten die Gelegenheit nutzen, von einem visionären Macher, der noch immer über eine frische Außenperspektive auf die Messewirtschaft verfügt, ein paar Einordnungen zu bekommen (Bild: FAMA / Tobias Schmid).
Dein Einstieg bei der Bernexpo erfolgte inmitten der Covid-Pandemie. Was waren deine wesentlichen Befürchtungen, Erkenntnisse und Überraschungen aus deiner Anfangszeit in der Messewirtschaft?
Die Pandemie war für uns und die Branche in mehrfacher Hinsicht dramatisch. Zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten stellten sich uns aufgrund der bereits vor der Pandemie weit fortgeschrittenen Digitalisierung von Vermarktungskanälen sehr grundsätzliche Fragen der Existenzberechtigung.
Die Zusammenarbeit im Team, mit dem Verwaltungsrat, unseren Kund*innen und den Behörden war in dieser Phase eminent wichtig und im Nachhinein eindrücklich solidarisch und konstruktiv. Dieser Hintergrund ließ dafür aber auch keinerlei Fragen offen, dass wir unsere zukünftige Positionierung, die Arealnutzung, das Veranstaltungsportfolio und die Transformation hinsichtlich der operativen Prozesse und unserer digitalen Fähigkeiten ganz radikal angehen wollten.
Dass die Stadt und unsere Entscheidungsgremien den Mut hatten, die Volksabstimmung und den Bauentscheid zur Festhalle in diese Zeit zu legen ist nicht selbstverständlich und darf uns durchaus mit Stolz erfüllen.
Die Messewirtschaft selbst gehört jetzt nicht gerade zu den Innovationstreibern in der Schweiz und in Europa. Und dennoch sind Messen ganz wesentliche Plattformen für Innovationen der Wirtschaft. Was waren neben der Festhalle die wichtigsten Transformationsvorhaben während deiner Zeit bei der Bernexpo? Was ist nach Plan verlaufen, was besser und was hättest Du dir anders vorgestellt?
Die Messewirtschaft kann für sich beanspruchen, schon immer sehr nahe an jeglicher Innovation, neuen Errungenschaften und damit am Puls der Zeit gearbeitet zu haben. Die hohe Ausstellenden- und Besuchendentreue vergangener Jahrzehnte haben uns aber hinsichtlich dem Einsatz neuer Methoden in den Bereichen Hospitality/Customer Journey-, Cross Channel-Marketing und Contact Management träge lassen werden. Vielfach wurden die entsprechenden Fähigkeiten einzelnen Akteur*innen oder Formaten überlassen.
Wir haben substantiell in die Themen Diversifizierung Veranstaltungsportfolio, modulare Angebotsgestaltung, Campaigning/Contact Management, Data, Aufenthaltsqualität und Nachhaltigkeit investiert.
Wir konnten uns bei allen Themen substantiell weiterentwickeln. Den Zeit- und Abstimmungsbedarf habe ich übergeordnet sicher unterschätzt - wir haben allen Beteiligten da sehr viel abverlangt.
Vor deiner Zeit bei der Bernexpo hast Du eine facettenreiche Arbeitsbiografie erlebt, unter anderem im gehobenen Einzelhandel und in der Telekommunikation. Nach deinem Ausscheiden wirst Du diese an deinen Wurzeln als Bauingenieur fortsetzen. In Bern hast Du sogar einen innovativen Quartiersladen für regionale landwirtschaftliche Erzeugnisse mit auf den Weg gebracht. Wenn Du heute deinen ganz subjektiven Blick auf die Messe-, Kongress- und Eventbranche richtest: Welche Stärken zeichnen sie aus und welche drei Elemente eines Fitnessprogramm würdest Du ihr dringend empfehlen?
Wir dürfen als Branche stolz sein auf unzählige wirklich eindrückliche Formate, den großen gesellschaftlichen- und wirtschaftlichen Beitrag, und die unvergleichliche Macherqualität, den Mut und die Leidenschaft unserer Mitarbeitenden, die uns immer wieder zu Höchstleistungen antreiben.
Übergeordnet wünsche ich uns, dass wir als Branche, als Akteur*innen übergeordneter und größer denken und handeln: Dass wir uns nicht mit einzelnen Events der Superlative zufriedengeben. Wir sollten uns nicht mit Entertainment als willkommene Ablenkung oder Klassentreffen zum Austausch unter Gleichgesinnten begnügen. Die Gesellschaft, die Wirtschaft brauchen Orte und Formate, welche die laufende Transformation mit ermöglichen & pushen - unsere Venues sollten solche Kraftwerke der Transformation werden.
Vor dem Hintergrund der Innenentwicklung unserer Städte steht die Auslastung unserer Areale zukünftig implizit oder explizit auf dem Prüfstand: Mit einer gesteigerten Themen-, Communities-, Branchen- und Formatvielfalt können wir beweisen, wie sinnhaft und alternativlos der Austausch von Menschen, Branchen & Märkten wirklich ist.
Der Aufwand hinter unseren Veranstaltungen ist beachtlich, die Preise stellen für unsere Kund*innen und Gäste eine große Herausforderung dar. Ich wünsche uns als Branche mehr gelebte Standards und eine noch modularere Angebotsgestaltung, damit wir dank so entstehenden Vereinfachungen und Effizienzgewinnen weiterhin Veranstaltungen dazugewinnen können.
Transformation erfordert Leistungsbereitschaft, Leidenschaft, Finanzkraft und Ausdauer. Wir brauchen keine weiteren Krisen, um die vergangenen Jahre als Neustart zu nutzen. Wir brauchen motivierte Macher*innen, welche immer und immer wieder über ihre Grenzen gehen, um unsere Gäste besser zu begrüßen, unsere Formate und unsere Zusammenarbeitsmodelle stetig weiterzuentwickeln.
Ich wünsche uns allen dafür viel Lust, Leidenschaft und Kraft.
Wenn Du in deine ganz persönliche Glaskugel schaust: Wo stehen Messen und Events in zehn Jahren im besten Fall und wie könnten wir das allenfalls doch noch vermasseln?
Ich bin überzeugt, dass die Zukunft Organisationen und Venues gehört, die als gesellschaftliche Infrastrukturen funktionieren – getragen von Politik, Wirtschaft und Communities, nicht von einzelnen Events.
Was nimmst Du aus der Messewirtschaft und aus der Bernexpo mit in deine berufliche Zukunft?
Ich habe die vergangenen Jahre sehr genossen und durfte unzählige spannende Menschen mit ihren verschiedensten Backgrounds und Charakteren kennenlernen. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Die Leidenschaft, der Pragmatismus und die Fähigkeit der Branche, auf einen Zeitpunkt X hin zu liefern hat mich nachhaltig beeindruckt und geprägt.
Tom, ganz herzlichen Dank für das Gespräch und Deine Einordnungen. Wir wünschen Dir in deiner neuen Rolle alles Gute und viel Erfolg.
