Für mich hätte sich die Teilnahme an der 4. DACH-Messefachtagung in Bern auch dann gelohnt, wenn alle anderen Beiträge, außer dem von Oliver Hoffman („Die Zukunft der Arbeit ist psychologisch“) ein voller Reinfall gewesen wären. Waren sie natürlich nicht. Und dennoch enthielt sein Vortrag ein paar entscheidend erhellende Einsichten über das, was uns und unsere Organisationen in Zukunft erfolgreich machen kann. Intellektuelle Teilzeit gehört nicht dazu (Bild: generiert mit Perplexity).
Kolumne von Oliver Schmitt
Hoffmann weist darauf hin, dass die Skills, die Menschen und Organisationen in Zukunft erfolgreich machen, stark geprägt sind von psychologischen Anforderungen: Kreatives Denken, Resilienz, Selbstbewusstsein, Empathie, Motivation, oder soziale Einflussnahme. Das Problem, das er sieht: Unternehmen würden zwar über Skills reden, aber nicht über deren psychischen Voraussetzungen. Das Ergebnis: Kreativitätsforderungen ohne innere Ruhe, Resilienz ohne Erschöpfungspotenziale ernst zu nehmen.
Was er vorschlägt, nennt sich das „Modell der inneren Ökonomie“. Analytisches Denken brauche Klarheit, Selbstbewusstsein entstehe durch Integration von Erinnerung und Identität, Empathie erfordere Vorstellungsvermögen und Motivation komme nicht aus Bonusmodellen. Seine Kernfrage: Welche inneren Bedingungen ermöglichen überhaupt erst den wirkungsvollen Einsatz von Skills?
Und was tun wir? Wirbeln wie die aufgescheuchten Hühner um den Fuchs „Künstliche Intelligenz“ und versuchen den Anschluss nicht zu verpassen. Aber den Anschluss woran? Wenn man sich den Umgang mit KI anschaut, stellt man fest, dass oftmals ein Outsourcing der kreativen Auseinandersetzung mit Problemen und deren Lösungen versucht wird. Aber das wird nach hinten losgehen. Im Vortrag und der anschließenden Diskussion fiel der Begriff „intellektuelle Teilzeit“, mit dem unsere Fähigkeit zu Denken und zu echter Kreativität verkümmern, weil wir unser Hirn nur noch in Teilen nutzen. Hoffmann hält das für einen fundamentalen Irrtum. Er fürchtet einen digitalen Hyper-Taylorismus, weil das Denken selbst delegiert wird.
Statt die KI als Hilfsarbeiter für lästige Routineaufgaben einzusetzen, suchen wir nach bequemen Abkürzungen, damit wir uns um die Mühen der Ebene und um intellektuelle Schöpfungstiefe gleichermaßen drücken können. Zurück bleiben intellektuell faule, nicht sonderlich einfallsreiche, aber umso einfältigere Zombies. Klar, ganz so drastisch wird es schon nicht kommen. Aber wenn ich mir das psychologische Skillset von oben so anschaue: Nehmen sich unsere Schulen Zeit für Empathie und Selbstmotivation? Fokussieren unsere Entwicklungsprogramme auf Resilienz und Selbstbewusstsein? Gewähren wir uns und unseren Teams echte Freiräume für kreatives Denken?
Oder sind wir so im Abwettern immer heftiger werdender Krisen gefangen, dass uns gar nicht auffällt, dass wir die Krisen zwar nicht selbst erschaffen, uns aber miserabel darauf vorbereitet haben? Wir haben es in der Hand: Die Märkte und unsere Kunden, sie geben bereitwillig Auskunft, was ihnen echten Mehrwert bietet (oder bieten würde). Dabei dürfen wir sie nicht zu einem plumpen „Wünsch Dir was“ einladen, sondern sollten sie einbinden, um an unseren professionellen, empathischen und zutiefst kreativen Entwicklungsprozessen teilzuhaben. Kunden haben da voll Bock drauf. Ich, wir, Du, Ihr auch?
